7 Jahre KitKatClub
"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...
"


Als wir 1994 die Chance erhielten in der damaligen Turbine eine eigene Partyreihe zu starten (noch alle 2 Wochen Dienstags), versuchten wir eine Symbiose aus Techno-Event & tabulosem Fetish-Club ins Leben zu rufen, weil diese beiden, bis dahin getrennten Szenen, schon damals unseren Interessen entsprachen. Das Motto war, damals wie heute, “Do what you want but stay in communication !” Die Techno-Jünger waren zwar energetische, aber leider (scheinbar) geschlechtsneutrale Zeit-genossen, die SM-Freaks zwar sexuell abgespaced, aber ansonsten reichlich fußlahm. Also mischten wir einfach alles so lange wild ab, was uns jemals irgendwo gefallen hatte, bis wir unsere eigene Idealparty herauskristallisiert hatten. Unsere sogenannnte melodiereiche "Trance-Musik" (gemessen am Techno-Standart) entsprach der "Sonnen-aufgangsmusik" der Original-Goa-Open-Air-Parties in Indien, wie ebenfalls die Idee der Leuchtbilder, nur, daß sie erotische Inhalte bekamen. Eine der eindrücklichsten Parties, die ich erlebte, war in Goa 1992 in einer Burgruine. Dieses Bild von damals findet man in vielen Elementen des Clubs wieder.

Am 1.März um 21 Uhr eröffneten wir also voller Vorfreude & Spannung die Pforten der Turbine : die ersten beiden Parties waren randvoll mit Leuten, die wir persönlich kannten, aus allen möglichen anderen Szenen (Ex-Kreuzclub, Fade Out, Praxis Dr.McCoy, Far Out...).
Dann gings rapide abwärts: Die Techno-Leute konnten gar nichts mit den sexuellen Aktionen anfangen (Zitat Prinz: Faustfick wird zur Kultur erhoben... würg !), die Fetisch-Leute erzählten uns ohne Ende, wir sollten doch lieber
Rock-Musik spielen. Auf unserer 7. Party war die Besucherzahl auf 25 geschrumpft und wir überlegten uns ernsthaft, ob unsere Idealparty nur ein einsamer individueller Trip sein könnte. An diesem Punkt angelangt, beschlossen wir, noch einen letzten Versuch zu starten, und sollte

der auch nicht fruchten, aufzugeben. Wir zogen also durch Berlin und verteilten an Leute, die uns gefielen, Freikarten. Gleichzeitig konnten wir unsere Veranstaltungen auf den Mittwoch verlegen. Schon die nächste Party war voller. Als dann Anfang Juli die Turbine von Amtes Seite geschlossen wurde, hatten sich unsere Nächtezu respektablen Events entwickelt. Für 2 Monate siedelten wir zwangsweise in das “Vereinsheim” in der Michael-Kirch Straße über, wo die Party allerdings wieder schlechter besucht war.Im Oktober 1994 waren wir Teil des Kunst-projektes XXX-Xtreme des Künstlers Falk Riechwien (später Galerie N.A.K.T.) über das in "Wahre Liebe" berichtet wurde. In diesem Zusammenhang lud man uns in das Hamburger Studio als Gäste ein und wir erzählten das 1.Mal öffentlich über unser Konzept. Es fügte sich, daß die Turbine genau in dieser Woche wieder geöffnet wurde, und wir den Freitag als Partytag erhielten.
Jedenfalls war schon die Neueröffnung dort ein voller Erfolg, es schien, als hätte die ganze Republik das Wahre Liebe -Interview gesehen. Seit diesem Zeitpunkt kam ein großer Teil der Besucher von außerhalb, und waren das, was elitäre "Insider" -leicht abfällig- "Touris" nennen. Ich selber konnte allerdings nie einen"Qualitätsunterschied" zwischen Touris und Berliner Szeneleuten feststellen, arrogante "Wichtel" gibt es in beiden Fraktionen !

Im Dezember 1994 stellte man uns völlig überraschend die Frage, ob wir die Turbine kaufen wollten. Die Vision, einen tabulosen Laden zu führen spukte schon längere Zeit in unseren Köpfen. Am 1. Februar 1995 war es dann soweit, die Turbine wurde zum KitKatClub (Bis dahin hatten wir unsere Partynächte “KitKatClub” genannt, mit dem Untertitel SexTrance Bizarre).
Anfangs übernahmen wir einige der Veranstaltungen der Vorbesitzer Jörg & Falko, allerdings hatten alle “Clubs im Club” ihren Zenit überschritten, sodaß wir ab April die Events von Mittwoch bis Sonntag selber organisierten. Trotz des Vergnügens, alle Nächte in unserem neuen “Wohnzimmer” zu verleben, wurde schnell klar, daß für die einzelnen Tage Partyveranstalter gebraucht wurden,die ihr eigenes Publikum zusammenbastelten und die Party mit Elementen anreicherten, die nun mal nicht die unseren waren. Der Donnerstag wurde dem rein schwulen Publikum gewidmet, Sonntag tagsüber hielt die Freak-Show (heute: Piep-Show) Einzug, Sonntagnacht etablierte sich Mystic Rose, eine Goa-Party unseres Freundes Ananto und die Samstagnacht wurde wie der Freitag unter das Motto “SEX TRANCE BIZARRE” gestellt. Wer damals noch nicht dabei war, kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, daß der Freitag zu dieser Zeit der Kulttag war und die Samstagnacht fast ein halbes Jahr brauchte, um auch nur annähernd gut gefüllt zu sein. (Im Frühjahr '97 vervollständigte sich das Wochenprogramm mit den INSOMNIA-Events)

Ein Highlight des 95er Jahres war dann die Teilnahme an der LoveParade, der letzten auf dem Q-Damm. Als neuer kleiner Club mußten wir uns mit der Hirschbar einen Wagen teilen. Ganz hinten in der Schlange nahmen wir Aufstellung an der Urania. Als wir endlich losfuhren wußte noch niemand von uns, daß alle Besucherrekorde in diesem Jahr gebrochen werden sollten (am Wartepunkt war von der Menge nichts zu sehen). Wir bogen in den Tauentzien ein und wollten unseren Augen nicht trauen: Ein Meer von Menschen, die die Trucks begeistert begrüßten! Immer noch versuchten Leute Plätze zu ergattern, sahen wir jemanden, der uns gefiel, hievten wir ihn schnell herauf. Unseren Wagen hatten wir mit Sofas, dem altbekannten roten Rondellund einem Sling (SM-Schaukel)ausgestattet, in der Absicht die LoveParade sehr aktiv zu demonstrieren.

Die Schaukel hatten wir zwischen die hochgeklappten Auffahrschienen des Aufliegers gehängt. Von Anfang an wurde sie so aktiv genutzt, daß sich eine Riesenschlange bildete, die hinter uns herzog. Nach einiger Zeit erreichte uns eine Durchsage der Berliner Polizei, die uns drohte den Wagen zu stoppen, wenn wir mit unserem unzüch-tigen Treiben fortfahren sollten... (Wie sie das hätte machen wollen ist mir auch heute noch ein Rätsel).

Irgendwann zog ich die Akteurin dann von selbst aus dem Sling, weil auch die Masse hinter uns immer wilder wurde & ich mir nicht mehr sicher war, ob Übergriffe stattfinden würden. Es hätte mich in keiner Weise gewundert, wenn sich früher oder später eine Masturbationsorgie auf der Straße abgespielt hätte ...

Das verrückteste Gerücht, das sich die Woche darauf in der Presse fand, besagte, daß auf dem KitKatWagen eine Ziege gefaustfickt worden sei ... (Nein, dem war nicht so!).
Sicherlich hat unser Auftritt bei der Parade auch dazu geführt, daß der KitKat immer besser besucht wurde. Presse & TV waren auf uns aufmerksam geworden, Interviews und Berichte folgten. Für viele Gäste ist das leider auch heute noch ein umstrit-tenes Thema; es soll ja schließlich keiner wissen, was man in seiner Freizeit so treibt... Aber genau das war und ist es, wogegen wir kämpfen: Gegen die Spießerzellen der Doppelmoral!
(Warum gibt es bei uns wohl keine dunklen versteckten Ecken?) Jeder soll das tun und lassen können, was seinen/ ihren Bedürfnissen entspricht ohne sich vor rgendjemanden (außer vor sich selbst) rechtfertigen zu müssen! Dieses Feld der Sicherheit versuchen wir nach wie vor mit unseren Parties zu kreieren, einfach um zu zeigen, daß das Ausleben von Sexualität jenseits aller Normen NICHT die von Tugendwächtern gefürchtete Barbarei zur Folge hat!
Als wir uns 1999 entscheiden mußten, ob wir den Mietvertrag in der Glogauer ver-längern wollten oder nicht, führte eigentlich die Langeweile zu der Entscheidung, eine neue Bleibe zu suchen. Der kleine Laden lief, vieles war zu Routine geworden,neue Ideen konnten dort nicht mehr wachsen, die Entwicklungsmöglichkeiten waren einfach ausgereizt: wir kündigten.
Auf unserer Suche begegnete uns dann auch Jaques, der Inhaber des Metropol, der uns anbot mit ihm und unserem Programm das Metropol zu betreiben. Irgendwie war das eine utopische Vor-stellung: vom “kleinsten” Laden im “finstersten” Kreuzberg zum größten Club Berlins in der City!
Ich glaube, allein schon, weil das so absurd erschien, haben wir uns dazu entschieden. Wir wollten es anfangs selbst gar nicht glauben...
Nachdem der Umzug erfolgreich vollzogen war, stellte sich aber schnell heraus, daß unsere Vorstellungen bezüglich Einlaß-politik, Barqualität und Umgang mit Gästen und Mitarbeitern, Welten von den Gewohnheiten des Metropol-Betreibers entfernt waren (Das hatte uns zwar jeder vorher gesagt, aber als unverbesserliche Idealisten wollten wir uns unser Urteil selber bilden). Wenn ich heute ein Resumee dieses einen Jahres ziehe, war das frustrierendste, daß es eine Zeit war, die keinerlei Kreativität aufkommen ließ. Die Größe des Raumes habe ich genossen. Nicht genau zu überblicken, wer alles da ist, und auch einmal in der Menge untertauchen zu können, war eine große Befreiung!
Gesellschaftpolitisch betrachtet, hat uns die Metropol-Etappe den Imagesprung hin zum “Aushängeschild” für Berlin als eine der freiesten Städte der Welt ermöglicht.

Mit dem neuen Laden hoffen wir nun beide Welten zu verschmelzen: nämlich die unkonventionellen, künstlerisch-anarchischen Elemente mit der politischen Bedeutung, die leider erst mit dem quantitativen Erfolg auf kollektiver Ebene eintritt.

Pünktlich zum 7.Geburtstag beginnen wir nun die neue Phase unseres Clublebens (auch astrologisch).
Ich liebe Neuanfänge... vieles ist noch unfertig, Flexibilität ist gefragt, neue Ideen müssen entwickelt werden, das Chaos rumort im Untergrund, die Unsicherheit jeden Anfangs kribbelt im Bauch...

Der neue Laden soll ein Schmelztiegel alter und neuer Ideen (laßt Euch überraschen!) werden und die Brutstätte des “Vereins zur Förderung hedonistischer Lebenskultur”, den wir zur Zeit gründen.


Artikel aus dem Hedonisten März 2001