I. Ein Hedonismus Neuen Typs

Das kosmo-erotische Politikverständnis der Techno-Generation, das sich bei Massendemonstrationen wie der Love Parade, der Fuck-Parade oder dem CARNEVAL EROTICA manifestiert, sei nichts weiter als die fadenscheinige Maskerade "dumpfer" Einfaltspinsel, die nur möglichst kostenneutral ihrem Drang nach öffentlichem Exhibitionismus frönen wollten, wird in der Öffentlichkeit gerne verbreitet ...

Gegen derlei Vorurteile, die das klerikal-asketische Alt-68er-Establishment in Politik und Medien ganz bewusst kultivieren, um die Vorherrschaft ihrer eigenen Alterskohorte gegen die Ansprüche der nachwachsenden Generationen zu verteidigen, setzen wir das Modell eines Hedonismus Neuen Typs. Anders als der Hedonismus eines Epikur, der tatsächlich ein starkes Element von Weltflucht beinhaltete, gehen wir davon aus, dass die Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten, das demokratische Ringen um politische Machtteilhabe Aufgaben sind, denen sich ein wohlverstandener Hedonismus keinesfalls verweigern darf.

Denn wenn wir nicht in den öffentlichen Raum vordringen und für die rechtliche Absicherung unserer libertären Lebensstile kämpfen, werden uns - die Pornographen, „Schmutzfinken“ und Abartigen aller sexuellen Schattierungen - irgendwann die Vertreter der klerikal-asketischen Linken für die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen haftbar machen, die sie selbst mit ihrer Politik ständig verursacht.

Als sein gesellschaftspolitisches Kernanliegen hat sich der Hedonismus Neuen Typs deshalb den Kampf für die Freiheit auf die Fahnen geschrieben. Denn allein in einer freien Gesellschaft, in der das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Selbstverwirklichung vor den selbstherrlichen Eingriffen obrig-keitsstaatlicher Sitten-, Tugend- und Hygienewächter geschützt ist, kann sich der Hedonismus die sozialen Labore und Experimentierfelder erobern, die er benötigt, um den ihm eigenen Lebensstil eines friedlichen, vielfältigen und kreativen Menschseins zu verwirklichen. Der Kampf für die Freiheit ist aber auch immer ein Kampf gegen die Bevormundungsstrategien, mit denen gerade die klerikal-asketische Linke ständig die Opfer reproduziert, in deren Namen sie zu sprechen vorgibt.

           

II. Die hedonistische Freiheitsrevolution

Was ist das eigentlich - Freiheit? Für viele zweifellos ein Ärgernis; ist sie doch wie ein schönes und kapriziöses Weibsbild, das allzeit ohne Rücksicht auf Ruf oder Routine zu halsbrecherischen, widernatürlichen und verruchten Abenteuern ermuntert. Wo ihr Geist die Massen ergreift, geschehen die ungeheuerlichsten Dinge - so empfinden es jedenfalls die Vertreter der politischen und moralisierenden Klassen, deren Pfründe allerdings auch in direkter Relation zur Unfreiheit des Volkes wachsen.

Doch dauerhaft lässt sich glücklicherweise ein hinreißendes schönes Weibsbild wie die Freiheit nicht hinter Schloss und Riegel verwahren: Beseelt vom Pathos der Freiheit, stürmte das Volk von Paris am 14. Juli 1789 die Bastille, den Kerker des Königs. Ebenfalls von der unstillbaren Sehnsucht nach Freiheit durchdrungen, durchbrachen die Berliner am 09. November 1989 den "antifaschistischen Schutzwall", mit dem die SED ihre leibeigenen Zwangsarbeiter seit dem 13. August 1961 an der "Republikflucht" gehindert hatte.

Gerade das Beispiel der Mauer beleuchtet den natürlichen Gegensatz, der die hedonistische Linke unversöhnlich von ihrem klerikal-asketischen Widerpart trennt. Der Mauerbau zählt nämlich zu den typischen Antworten, wie sie das klerikal-asketische Establishment für die von ihre selbst verursachten Probleme findet: Als die ostdeutschen Hedonisten scharenweise vor der wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Katastrophe des "realen Sozialismus" flohen, sperrte die klerikal-asketische SED "ihre Menschen" eben ein, anstatt ihren bereits damals unübersehbar gescheiterten Großversuch zur Schaffung eines neuen und garantiert altruistischen Menschen einfach abzubrechen.  Denn was wog schon das Leben von zwei oder drei Generationen "Menschenmaterial" im Verhältnis zu dem konfliktlosen Wolkenkuckucksheim, das die ebenso allwissenden wie selbstlosen Philosophenkönige von der SED zu errichten planten.

Zu den Realitäten des Lebens gehört es leider, dass die Freiheit immer in Gefahr ist. Selbst in einem so harmlos anmutenden Staat wie der Bundesrepublik sehen nämlich die machthabenden Repräsentanten der politischen Klasse ebenso wie die verbeamteten Vertreter des staatlichen Bevormundungs-Bürokratie-Komplexes in der Freiheit der Bürger ganz zu Recht eine Gefährdung jenes Status quo, dem sie ihre Privilegien und Machtbefugnisse verdanken. Im Einklang mit ihren Klasseninteressen setzen sie folglich auf eine Strategie der schrittweisen Entmündigung, die langsam aber sicher aus freien Bürgern geknechtete Untertanen macht.

Als hedonistische Verteidiger der Freiheit veranstalten wir den CARNEVAL EROTICA in erster Linie auch deshalb, weil wir die staatsbürokratische Entmündigungsstrategie in der Öffentlichkeit anprangern und die freiheitsliebenden Menschen dieses Landes zum Widerstand aufrufen wollen.

           

III. Die staatsbürokratische Entmündigungsstrategie

Zur Rechtfertigung seiner Entmündigungsstrategien kultiviert der staatliche Bevormundungs-Bürokratie-Komplex ein pessimistisches Menschenbild, das die Masse der Bürger als Idioten mit potentiell gemeingefährlichen Neigungen darstellt. Zur Bändigung von gemeingefährlichen Idioten braucht man selbstverständlich Gesetze, die ständig verschärft werden müssen, da ja alles immer schlimmer wird (die Kriminalstatistik weist allerdings häufig das Gegenteil aus). Besonders die Jugend ist den staatsbürokratischen Wohltätern ein steter Anlass zur Sorge, aber nicht etwa weil diese durch ein von der Politik chronisch unterfinanziertes Bildungssystem systematisch ihrer Zukunftschancen beraubt wird, sondern allein deshalb, weil sie durch ihren natürlichen Drang nach Selbsterprobung und Abenteuer längst zu einem lästigen Fremdkörper im bundesdeutschen Rentner- und Bürokratenparadies geworden ist.

Die systematisch betriebene Verängstigung der Bürger erleichtert es den Staats- und Politbürokraten ungemein, das Land mit immer neuen Gesetzesinitiativen zu überziehen, die angeblich alle notwendig sind, um unser irdisches Jammertal in ein himmlisches Wolkenkuckucksheim ohne Nebenwirkungen, Flugzeugabstürze und Stechmücken zu verwandeln. Mit der unablässigen "Vervollkommnung" ihres wuchernden Paragraphendschungels sorgt das staatsbürokratische Establishment aber in erster Linie dafür, dass sich Rechts-sicherheit als eine der Grundvoraussetzung für Freiheit auflöst und an ihre Stelle der willkürliche "Ermessensspielraum" bürokratischer Apparate tritt. Rechte sind dagegen allenfalls noch zu horrenden Kosten vor Gericht einklagbar.

Besonders verheerend ist diese Entwicklung für die Unternehmer der subventionsfreien Subkulturen. Der Wust aus unübersichtlichen Paragraphen und kostentreibenden Auflagen zwingt sie zusehends, in einer legalen Grauzone zu agieren. Wer aber systematisch Vorschriften brechen muss, um sein Geschäft überhaupt noch betreiben zu können, der kann bei Bedarf jederzeit kriminalisiert oder mit einem Federstreich der Verwaltung seiner Existenzgrundlage beraubt werden. Dieser Zustand hat indessen nicht nur ökonomische Konsequenzen: Wer sich in einer Position absoluter Verwundbarkeit weiß, der wird leicht zum Duckmäuser, der sich die Gunst der Obrigkeit um keinen Preis verscherzen will.

Die staatsbürokratische Entmündigungsstrategie beschränkt sich jedoch nicht allein auf den mikro-ökonomischen Bereich: Zur Absicherung ihrer Macht setzt die politische Klasse dieses Landes zunehmend auf die Bildung von Kartellen, die alle wichtigen Fragen ohne Konsultation der Bürger in Kungel-, Konsens- und Bündnisrunden entscheiden. Angesichts dieser Entwicklung verlieren die Wahlen ihre ursprüngliche Bedeutung als Kontrollinstrument des Volkes (das nebenbei bemerkt verfassungsmäßiger Souverän dieses Landes ist); sie degenerieren statt dessen wie in der DDR zu einem affirmativen Ritual, bei dem die Bürger der Obrigkeit durch eine möglichst hohe Wahlbeteiligung beweisen müssen, dass sie noch gute Demokraten sind.

Wirklich funktionieren können Kartelle allerdings nur, wenn sie keine Konkurrenz zu fürchten haben, und deshalb ist ja auch die Ausschaltung von Konkurrenz ihr eigentliches Anliegen. Das Kungel-, Konsens- und Bündniskartell der politischen Klasse tut genau dies, indem es sich bemüht, neuen und innovativen Anbietern den Zugang zum Markt der politischen Willensbildung zu verwehren. Da sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk ohnehin fest in den Händen von Parteibuch-Journalisten befindet und die Konfetti-Berichterstattung der Privaten keine Gefahr für das Establishment darstellt, konzentriert die politische Klasse ihren Abwehrkampf auf diejenigen Medien, die sie deshalb für so gefährlich hält, weil heute noch jeder Zugang zu ihnen hat: das Internet und die Straße.

Gerade in Berlin werden zur Zeit vom staatlichen Bevormundungs-Bürokratie-Komplex alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die freie Meinungsäußerung der Bürger aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Mit Hilfe einer Verschärfung oder zumindest restriktiven Auslegung des Demonstrationsrechts soll Versammlungen wie der Love Parade & der Fuck-Parade der Rang einer politischen Demonstration abgesprochen werden. Sollte dieses Ansinnen von Politik und Verwaltung an den Gerichten scheitern, so haben sich diese bereits darauf vorbereitet, den Demonstrationsveranstaltern die spezifischen Artikulationsformen der Techno-Generation per Auflage zu verbieten: Laute Musik  ist demnach kein zulässiges Ausdrucksmittel für eine Demonstration, da sich Nachbarn und Passanten gestört fühlen könnten. Bei Zuwiderhandlung drohen hohe Geldstrafen. Frei nach dem Motto: Wenn ihr denn schon unbedingt demonstrieren müsst, dann bitte so, dass es keiner merkt!

Tatsächlich zielen die vereinten Anstrengungen von Politik und Verwaltung darauf ab, das Demonstrationsrecht im Sinne der politischen Klasse zu privatisieren. Dies geschieht dadurch, dass der Begriff des Politischen so definiert wird, dass nur noch den Narrenzügen solcher Kartellmitglieder wie der Bundestagsparteien, des DGB, der EKD oder des Bauernverbandes der Rang einer politischen Veranstaltung zugesprochen werden kann. Gleichzeitig wird ein verbindlicher Katalog von politischen Ausdrucksmitteln festgeschrieben, der alle Demonstrationsveranstalter auf den altbackenen Demo-Stil der ÖTV (alias Verdi) verpflichtet, und so dafür sorgt, dass neue und innovative Politikanbieter - wenn sie ihre Meinungen denn überhaupt noch in den öffentlichen Raum tragen dürfen - garantiert kein Medienecho mehr erzeugen.

Da Demokratie vom friedlichen Wettbewerb verschiedener Überzeugungen, Interessen und Gruppen lebt, muss sie logischerweise zugrunde gehen, wenn sich ein Kartell der Kommunikationsmittel bemächtigt und unliebsamen Mitbewerbern den Zugang zur Öffentlichkeit verwehrt. Da genau dies im Augenblick geschieht, demonstriert der CARNEVAL EROTICA auch für den Erhalt der zweiten deutschen Demokratie, die in der Tat noch nie so gefährdet war wie heute.

IV. Zur hedonistischen Kritik am Status quo

Der Krebsschaden, an dem unsere Gesellschaft gegenwärtig leidet, ist die Hegemonie eines neo-christlichen Weltbildes, das wüste apokalyptische Phantasien vom nahenden Weltende dazu benutzt, um die natürliche Würde des Menschen durch Gefühle des Selbsthasses und der Schuldhaftigkeit zu zersetzen. Bei anderen Selbsthass und Schuldgefühle hervorzurufen, ist indessen seit jeher die ökonomische Marktlücke, in der die klerikal-asketische Linke ihren schmutzigen kleinen Ablasshandel betreibt. Der Preis an geistiger Gesundheit, den die Gesellschaft für diese Geschäftsidee bezahlt, ist jedoch hoch: Er besteht in der Verfestigung eines manichäischen Menschenbildes, das nur noch die Kategorien Täter und Opfer kennt. Die Primitivität dieses Menschenbildes prägt naturgemäß das Gefühlsleben seiner Anhänger; dieses erschöpft sich denn auch im dumpfen Hass auf die vermeintlichen oder tatsächlichen "Täter", in einem pharisäerhaften Mitleid mit den "Opfern", die aber im Grunde nur als Trophäen für die eigene Güte hergezeigt werden, und in einem tiefen Ekel an der Menschheit insgesamt.

Als Hedonisten Neuen Typs setzen wir dem klerikal-asketischen Menschenhass eine hedonistische Menschenliebe entgegen, die sich aus unserer Freude an diesem ebenso wagemutigen wie schöpferischen Möglichkeitswesen speist. Statt immer mehr Kontrolle, Überwachung und Gängelung zu fordern, kämpfen wir für eine Freisetzung der kreativen Energien des Menschen, vom dem wir wissen, dass ihm eine ungeheure Problemlösungskompetenz eigen ist.

Neben den politischen Botschaften, die wir mit unserem CARNEVAL EROTICA in den öffentlichen Raum tragen wollen, ist es das Ziel unserer Demonstration, am 14. Juli 2001 vor den Augen der Welt ein friedliches, fröhliches und freundliches Fest der Freiheit zu feiern, das die grenzenlosen Möglichkeiten hedonistischer Lebensgestaltung weithin sichtbar macht. Damit wollen wir auch dafür Sorge tragen, das Berlin weiterhin jenes Symbol der Freiheit bleibt, zu dem es wurde, als in den finsteren Tagen des Kalten Krieges die Freiheit in West-Berlin einen zähen Überlebenskampf führte und Ernst Reuter die berühmten Worte sprach:

"Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt . . ."